Wer Frankreich nur mit Lavendelfeldern, Baguettes und Côte d’Azur verbindet, dem sage ich: Bienvenue in den Oisans! Diese wilde, wunderschöne Region in den französischen Alpen ist ein Paradies für Velofreaks, Bergliebhaberinnen, Wanderfüsse und natürlich für alle, die beim Apérol in der Sonne gerne Menschen gucken. Ich verrate Dir, warum sich in Le Bourg d’Oisans Radträume, Gipfelabenteuer und französisches Savoir-vivre die Klinke in die Hand geben.

Le Bourg d’Oisans – Der Herzschlag der Region
Mitten im Nationalpark Écrins, am Fuss der legendären Alpe d’Huez, liegt Le Bourg d’Oisans – der Hauptort der Region und ein echtes Drehkreuz für alle, die Höhenmeter lieben. Der Ort ist überschaubar, aber charmant: eine kleine Flaniermeile, ein Crêpe-Stand, eine Boulangerie mit zwei wackligen Stehtischen, Waschmaschinen vor dem Supermarkt, Restaurants (mit etwas Glück geöffnet) und ein Dorfplatz, auf dem im Sommer fast täglich etwas los ist.
Frankreich eben – hier wird das Leben nicht durchgetaktet, sondern nach Gefühl gelebt. Wer also hungrig vor einem geschlossenen Restaurant steht und auf Öffnung hofft, wartet manchmal vergeblich. Kein Schild, kein Hinweis, kein „On revient tout de suite“. Nur ein Schulterzucken eines Einheimischen: „Wenn jetzt nicht offen ist, wird’s heute wohl nix mehr.“
C’est comme ça. Und gerade das macht den Ort so besonders: Mit einem kühlen Bier oder einem Pastis im Café de Paris zu sitzen und das bunte Treiben zu beobachten – das ist hier fast schon eine eigene Sportart. Und eine, die ich mit grosser Freude betreibe.



Le Bourg d’Oisans ist nicht nur hübsch, sondern auch sportlich ein echtes Schwergewicht. Die Tour de France ist gerade erst vorbei, die Triathleten und Duathleten haben das Kommando übernommen: Mehrere Tage lang herrscht Wettkampfstimmung rund um den Alpe d’Huez Triathlon. Überall in den Gassen wuseln durchtrainierte Körper in Finisher-Shirts, Medaillen baumeln an sonnenverbrannten Hälsen, teure Rennvelos lehnen an jeder Ecke – und dazwischen blitzen auch mal enttäuschte Blicke auf.

Ich wohne im Sporthotel Milan – ein Haus mit rustikalem Charme, viel Krimskrams und einem Lift aus dem letzten Jahrhundert, der eigentlich funktionieren würde… wenn man ihn denn richtig bedienen könnte. Doch weil der Schliessmechanismus für manche Gäste offenbar komplizierter ist als ein französisches Weinetikett, bleibt er oft blockiert – und ich stapfe regelmässig in den vierten Stock. Beintraining inklusive.



Die Alpe d’Huez – 21 Kurven zum Ruhm
Und dann ist da natürlich sie: die Königin der Bergetappen, die Alpe d’Huez! 14 Kilometer, 21 Serpentinen und ein Mythos, der seinesgleichen sucht. Der Rekord für die schnellste Auffahrt auf die Alpe d’Huez liegt seit 1997 bei Marco Pantani, «Il Pirata». Natürlich gibt’s da die eine oder andere Geschichte hinter den Kulissen, die für Gesprächsstoff sorgt – aber der Rekord bleibt trotzdem legendär.

Ich fahre die Strecke zwar nicht in Rekordzeit und mein E-Bike hilft ein bisschen beim Heldinnensein, aber das Erlebnis ist trotzdem unvergesslich. Oben wartet dann, na ja, ein Wintersportort in Betonoptik. Aber die Aussicht entschädigt.




Königsetappe zum Col du Galibier
Mein sportliches Highlight: die Fahrt zum Col du Galibier – ein echter Klassiker der Tour de France. Auf 2642 Metern Höhe bläst einem der Wind um die Ohren und das Herz macht kleine Hüpfer vor Stolz. Fast 100 Kilometer mit über 2000 Höhenmeter, das macht hungrig und müde, aber sowas von glücklich. Selbst mit Motorunterstützung ist das keine Spazierfahrt, sondern ein echtes Abenteuer.



Wer es gemächlicher mag: In der Umgebung von Bourg d’Oisans gibt’s kürzere Routen, oft wenig befahren, aber selten ohne Steigung. Die Belohnung? Aussichten, die dir den Atem rauben. Restaurants sind unterwegs rar, aber wenn Du eins findest, ist die Freude umso grösser.
Die Tunnels sind dabei kleine Herausforderungen – mal beleuchtet, mal stockdunkel, und manchmal tropft es von den Wänden. Zusammen mit den Schlaglöchern auf den Strassen sorgt das dafür, dass hier nicht das Tempo zählt, sondern das Erlebnis.



Wanderschuhe statt Veloschuhe: Lac Lauvitel
Natürlich darf auch das Wandern nicht zu kurz kommen. Eine wunderschöne Tour führt zum Lac Lauvitel, dem grössten See im Nationalpark Les Écrins. Der Aufstieg auf 1530 Meter hat’s in sich, aber oben glitzert der See wie ein kleiner Alpenschatz. Und als Bonus: Am Startpunkt könnte man tatsächlich eine ausgediente Seilbahngondel kaufen – falls man Platz im Koffer hat.
Der Abstieg wäre übrigens deutlich einfacher gewesen, wenn ich meine neu gekauften Wanderstöcke vorher mal ausprobiert – oder zumindest die Gebrauchsanleitung gelesen hätte. Funktion hatten sie keine – aber sie sahen immerhin gut aus.




Fazit: Merci, Oisans!
Diese Tage in den französischen Alpen waren genau nach meinem Geschmack:
- Sportlich, aber nicht verbissen
- Genüsslich, aber nicht langweilig
- Landschaftlich grandios – ein echtes bijou der Natur
Ob auf dem Sattel oder in Wanderschuhen – hier in Oisans habe ich nicht nur Höhenmeter gesammelt, sondern auch Erinnerungen, die bleiben. Und ganz ehrlich: ein Nutella Crêpe schmeckt doppelt so gut nach einer Königsetappe, oder?

P.S. Wer ebenfalls Lust auf Alpenglühen, französisches Lebensgefühl und ein kleines bisschen Muskelkater hat – pack die Velohose ein und los geht’s!


