Grenoble – Zwischen Hitzewelle, Bastille und pain au chocolat

Ein kunstvoll bemalter Rolladen in Grenoble zeigt eine nachdenkliche Figur zwischen Stadt und Bergen – ein kleines Kunstwerk mitten in der Altstadt.

Es gibt Orte, die sucht man sich ganz bewusst aus. Und dann gibt es Grenoble. Auf dem Weg in die Oisans haben wir uns dort in den letzten beiden Jahren mehr als einmal verfahren. Trotz Navi. Vielleicht war das einfach Grenobles charmante Art, auf sich aufmerksam zu machen. Diesmal sind wir bewusst zurückgekehrt. Mit der Bahn statt auf Umwegen. Mal schauen, was Grenoble uns zu sagen hat.

Die Antwort kam bei Temperaturen um die 40 Grad. Während einer Hitzewelle zeigte sich die Stadt von ihrer schweisstreibenden Seite. Spaziergänge wurden zu kleinen Expeditionen von Schattenplatz zu Schattenplatz. Doch zwischen Aussichtspunkten über den Dächern der Stadt, kühlen Getränken unter alten Platanen, viel Street Art und den Bergen rundherum hat Grenoble es trotzdem geschafft, uns für sich einzunehmen.

Unser Lieblingsplatz in Grenoble

Der Jardin de Ville wurde schon am ersten Abend zu unserem Lieblingsplatz. Unter den schattigen Platanen liessen sich die hochsommerlichen Temperaturen deutlich besser aushalten als in den aufgeheizten Gassen der Stadt.

Mit einem kühlen Apérol beobachteten wir das bunte Treiben im Park. Kinder jagten mit Wasserpistolen durch die Anlage und am Samstag sorgte die Pride mit ihren farbenfrohen Outfits für besonders viel Leben.

Flanieren statt Besichtigen

Grenoble hat genau die richtige Grösse, um zu Fuss entdeckt zu werden. Wir liessen uns oft ohne bestimmtes Ziel durch die Altstadt treiben, vorbei an kleinen Geschäften, Märkten und gemütlichen Cafés.

Besonders gefallen haben uns die vielen kleinen Plätze und Parkanlagen, die immer wieder zwischen den Häuserzeilen auftauchten. Die Stadt wirkte nie hektisch oder überlaufen.

Auffällig war auch, wie viele Menschen in Grenoble mit dem Velo unterwegs sind. Überall gibt es Radwege und vom alten Rennvelo bis zum modernen Lastenvelo scheint hier alles auf zwei Rädern unterwegs zu sein.

Spätestens wenn wir wieder leicht überhitzt durch die Altstadt schlenderten, war klar: Es ist Zeit für ein Glacé. Besonders die Geschmacksrichtung Nuss hatte es mir angetan. Schliesslich waren wir in Grenoble, da gehört die Walnuss als regionale Spezialität zum Pflichtprogramm.

Hoch über den Dächern von Grenoble

Klassische Sehenswürdigkeiten hat Grenoble nicht. Das bekannteste Wahrzeichen sind die berühmten Bubbles, die runden Gondeln, die zur Bastille hinauffahren.

Erstaunt hat uns, wie viele Menschen trotz der Hitze den Aufstieg zu Fuss bewältigten. Nicht wenige joggten sogar den Berg hinauf. Wir entschieden uns für die deutlich vernünftigere Variante und stiegen in die Gondel.

Oben erwartete uns ein fantastischer Blick über die Stadt, die sich wie ein Teppich zwischen den umliegenden Bergketten ausbreitet. Erst von hier oben wird richtig sichtbar, wie eindrücklich Grenoble von den Alpen eingerahmt wird.

Ganz faul waren wir dann aber doch nicht. Für den Rückweg wählten wir den Fussweg talwärts. So konnten wir die Aussicht noch etwas länger geniessen.

Auf der Suche nach Schatten

Als ich am Sonntag am Piscine Jean Bron vorbei spazierte, musste ich zweimal hinschauen. Die Warteschlange am Eingang war so lang, dass sie gefühlt bis ins nächste Département reichte. Die Szene erinnerte eher an einen Skilift an einem perfekten Pulvertag als an ein Freibad mitten in Grenoble. Bei den Temperaturen war der Wunsch nach Abkühlung allerdings mehr als verständlich.

Die Aussicht auf ein Bad war durchaus verlockend. Allerdings nicht unbedingt gemeinsam mit halb Grenoble in einem Becken. Deutlich entspannter ging es im Naherholungsgebiet Bois Français zu. Zwischen Badesee, Grünflächen und Bergkulisse konnte ich meine Badenixen-Gene ausleben und mich im angenehm kühlen Wasser erfrischen.

Schön war auch unser Abstecher zur Île d’Amour am Montagmorgen. Direkt an der Isère gelegen, bot die Parkanlage viel Grün, wohltuenden Schatten und eine angenehme Nähe zum Wasser. Dazu gab es Vogelgezwitscher, einen Blick auf das weitläufige Universitätsgelände und immer wieder schattige Wege. Die Idylle war fast perfekt. Nur die nahe Autobahn meldete sich gelegentlich akustisch zu Wort.

Der Turm, der bald wieder erwacht

Nur einen Steinwurf von unserem Hotel entfernt ragt der Perret-Turm aus den Bäumen des Parc Paul Mistral. Er wurde für eine grosse internationale Ausstellung im Jahr 1925 erbaut und gilt heute als eines der Wahrzeichen Grenobles. Nach rund 66 Jahren Schliessung verpassten wir die Wiedereröffnung um wenige Tage.

Als wir hoch oben auf dem Turm Menschen entdeckten, keimte kurz Hoffnung auf. Leider handelte es sich nur um Testfahrten des neuen Lifts. Auch unser freundliches Nachfragen half nichts. Grenoble scheint uns eben gerne ein kleines bisschen zappeln zu lassen.

Wenn Wände Geschichten erzählen

Wer Street Art mag, kommt in Grenoble definitiv auf seine Kosten. Mir hat besonders gefallen, wie vielfältig die Werke sind. Mal entdeckt man farbenfrohe Fassaden, mal kleine Zeichnungen oder Aufkleber, die man fast übersehen würde.

Besonders bei einem Bummel durch die kreativen Quartiere Berriat und Saint-Bruno lohnt es sich, die Augen offen zu halten. Viele der schönsten Werke verstecken sich nicht an den grossen Plätzen, sondern tauchen ganz unerwartet in einer Seitenstrasse oder an einer Hauswand auf.

Merci, Grenoble

Grenoble ist keine Stadt, die sich lautstark in den Vordergrund drängt. Vielleicht ist genau das ihr grösster Charme. Es gibt keine weltberühmten Sehenswürdigkeiten, keine Altstadt voller Souvenirgeschäfte und keine Menschenmassen, die sich durch die Gassen schieben.

Zwischen Street Art, Schattenplätzen, Nuss-Glacé und dem einen oder anderen pain au chocolat hat sich Grenoble ganz leise in mein Reiseherz geschlichen.